Wilhelm Genazino: Der Traum des Beobachters | NDR.de – Kultur

Stand: 23.01.2023 00:01

Wilhelm Gnazzino irrte sein Leben lang durch die Straßen, ohne wirklich etwas Bedeutendes zu erleben, und doch schuf er so einen wunderbaren Roman nach dem anderen. Er war jetzt 80 Jahre alt.

von Alexander Soloch

Das Glück des Scheiterns sollte jedem zugestanden werden, sagte Wilhelm Ganzino. Weil er seine Figuren liebte, war er sehr großzügig: Er sprach von Menschen – meist Männern zwischen 45 und 60 – die sich, um einige denkwürdige Gnosis zu zitieren, einer „Realitätsregistrierung“ und „Ansteckung“ ausgesetzt sehen. von einem überwältigenden Gefühl der Fremdheit.”

„Sie haben per se eigentlich kein Problem, sondern nur ein peripheres Problem, nämlich das Gefühl, unvollständig zu sein“, erklärt der Autor. „Zwischendurch sacken sie irgendwie in ihrer Wahrnehmung ab, und dann gibt es diese toten Phasen, in denen das Leben stillzustehen scheint.“

blinde Flecken wiederbeleben

Dann hilft nur noch ein Medikament – ​​Wilhelm Ganzino brachte ihr ein literarisches Patent zur Reife: die Wiederbelebung des blinden Flecks. Er ließ seine Figuren durch die Straßen der Großstadt streifen – vor allem in seiner Wahlheimat Frankfurt – mit der Bereitschaft, das Unglaubliche auch in den kleinsten Details zu sehen: Mit Hilfe des Weitblicks entstehen Ketten des Glücks, er erlebt es. Seit der Kindheit immer wieder.

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„Ich war ein großer Idiot. Ich bin nur in die Stadt gegangen und habe mir Bilder angeschaut und Autounfälle und Kleinigkeiten angeschaut, aber sie haben meinen Bilderdurst und mein Fantasiebedürfnis gestillt, und das ist es, was mir wirklich wichtig ist. Und wenn Sie überhaupt , wenn dir einfällt, dass du der Erfinder deiner eigenen inneren Welten bist, kommst du wirklich vor den Fernseher.”

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Dass der Hanser-Verlag die über Jahrzehnte gesammelten Aufzeichnungen Wilhelm Ganzinos – die unmittelbaren Früchte seines „Wanderns“ – anlässlich des 80. Geburtstags von Wilhelm Ganzino in einem schönen Buch veröffentlicht, ist eine große verlegerische Leistung. Beim Durchblättern freut man sich nicht nur über Geistesblitze…

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Das Tolle an der Literatur ist, dass wir über vieles nicht reden können, aber wir können schreiben und lesen.
Wilhelm Ganzino: „Der Traum des Zuschauers“

… aber auch um lustige Miniaturen, die im Rückblick auf Genzinos schönes Schriftstellerleben wie Puzzleteile erahnen lassen, wohin und warum sie führen werden.

Die Schule der Versöhnung

Der Wunsch, am Leben zu sein, bleibt noch aus der Kindheit. Natürlich nicht wie früher eine Eidechse oder ein Schaf, sondern heute zum Beispiel ein Steinbock. Manchmal spiele ich nur für mich einen steinernen Tyrannen.
Wilhelm Ganzino: „Der Traum des Zuschauers“

Knapp 20 Jahre nach dieser Notiz veröffentlichte Gnazzino den Roman „Wenn wir Tiere wären“. Was dann? Wir müssen nicht nachdenken, wir müssen nicht dem Glück hinterherjagen, wir müssen nicht die ganze Zeit etwas tun. „Ein Tier steht einfach irgendwo und setzt sich dann irgendwo hin, auch wenn es am falschen Ort ist. Tiere merken gar nicht, dass sie unerwünscht sind – eine weitere tolle Fähigkeit!“, findet Ganzino. „Dieser Typus zu sein, der sich nicht von all der Rationalität des menschlichen Lebens bewegen lässt, beeindruckt mich wirklich.“

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Die „Temposchule“ ist leider nur eine Erfindung des Philosophen und Wäschereibesitzers Gerhard Wurlich im Roman „Glück in unglücklichen Zeiten“. Es ist nur eine Erfindung und liegt uns doch tatsächlich in 20 Bänden vor: „Eine Schule der Entspannung“ – das ist das Gesamtwerk von Wilhelm Ganzino.

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Dieses Thema im Programm:

NDR-Kultur | Klassische Alleen 22.01.2023 | 16:40

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