Musikvideo: Finch, Marteria, Silbermond – Die Wendekinder vom Datzeberg

Jetzt macht Martria also auch Hits. Rapper Rostock (Jahrgang 1982) nahm gemeinsam mit Finch (1990), dem „Ostdeutschen David Hasselhoff“ aus Frankfurt an der Oder und Silbermond-Sängerin Stefanie Kloss (1984) aus Bautzen einen Song über ihre Generation auf. „Wandkind“ bezieht sich auf all jene Menschen, die vielleicht noch in der DDR geboren, aber im wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen sind. An diesem Freitag, eine Woche vor dem Mauerfall, wurde der Song veröffentlicht und heimlicher Star im dazugehörigen Video ist die Stadt Neubrandenburg.

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Denn die meisten Szenen wurden hier gedreht und es könnte wirklich keinen besseren Ort geben. Wo sonst findet man so schöne Plattenbauten? Und vor allem so viel! Eine Drohne schwirrt in herrlichster Herbstbrutalität über die Wohnblocks am Datzberg, Martria sitzt mittendrin auf einem Fußballfeld und stößt Zeilen aus wie: „Ja, wir sind Kinder der Wende, Krieger geboren, ohne Glauben . Glaub an Gott nur an Tequila.“ Hoffnungslosigkeit, Wut, Frust, Drogen und „Alle ziehen weg“ sind die Themen dieses Songs. Finch: „Keine Hitze von Dad, nur ein Kater von Sternberg.“

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„Lemminge, die vom letzten vergessenen Ort fielen, aber aus den Trümmern aufstiegen“, nimmt Stephanie Kloss im Refrain wahr, und in der Abendsonne über den denkmalgeschützten Wohnblöcken an der Neustrelitzer Straße wird sie sofort optimistischer: „Wir leben hier in Paradies, wir sehen hier etwas, was du nicht siehst.” Das Lied will diese Botschaft vermitteln: Wir gehören alle zusammen und schätzen unsere Heimat. Begleitet wird er von einem Beat, der ein wenig an „Rhythm Is A Dancer“ erinnert und dem Song genau die richtige Dosis 90er-Jahre-Vibe verleiht. Vor allem im Refrain wird alles ziemlich kitschig, fast schon zu hitzig, aber total in Ordnung! Auch wenn der Song wegen des Textes und des Titels definitiv beliebter sein wird als wegen der austauschbaren Melodie.

Einen ähnlichen House-Song brachte Silbermond bereits 2016 mit „B96“. Der Song handelt von der berühmten Bundesstraße im Osten und dem Heimkommen nach langer Zeit. Dieses Lied wurde von den Lesern des Heimweh-Newsletters zum Lied mit dem meisten Heimweh gewählt.

2022 – das Jahr der Erinnerung

Jugend in der DDR, Realität im 24. Jahr nach dem Mauerfall – die Verarbeitung dieser Themen hat sich 2022 bereits in mehrere Songs verwandelt. Bereits im März schlugen Martria und Tota-Sänger Campino mit „Scheiß Ossi“ und „Scheiß Wessi“ aufeinander (und küssten sich am Ende). „Der Osten erobert die Welt“, erklärt Martaria und erwähnt die Erfolge von Rammstein, den Princes, dem Tokyo Hotel oder dem Kraftclub. Im Juli veröffentlichten die beiden letzteren ihren Song „Fahr mit mir (4×4)“, in dem sie im Nivea durch die Landschaften Ostdeutschlands segeln: „Spargelfelder ziehen vorbei, wenn ich gehe, kehre ich nicht zurück“.

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Kraftklub aus Mannitz hingegen erklären uns in ihrem neuen Album „Kargo“: „Wittenberg ist nicht Paris“. Der Song thematisiert auch die vielen großen und kleinen Unterschiede, mit denen junge Menschen im Osten im Vergleich zu ihren Altersgenossen im Westen aufwachsen: „Es ist nicht alles schlecht, aber viel schlimmer als anderswo.“ Es geht um das Wegziehen, die Integration in die Welt einer neuen westdeutschen Metropole und einige Türen, die immer offen bleiben werden.

Die Verarbeitung beginnt

In eine ähnliche Richtung schlug Anfang des Jahres Hendrik Boltz, der Rapper „Testo“, der zum Duo „Zuzug Masculine“ gehört. Sein Buch „Zero Years“ handelt vom „Wachsen in blühenden Landschaften“, womit er konkret meinte: das Plattenbauquartier Knipper-West in Stralsund. Darin beschreibt er, wie alle um ihn herum mit den Folgen des Mauerfalls, insbesondere der Massenarbeitslosigkeit, zu kämpfen hatten und er als junger Mann immer versuchte, härter, dümmer, undurchsichtiger zu sein als alle anderen. Erst Jahre später und nach erfolgreicher „Flucht“ nach West-Berlin konnte er diese Zeit verarbeiten.

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Sein Umfeld habe ihn so gemacht, dennoch übernehme er die volle Verantwortung für sein Verhalten, schreibt Boltz am Ende seines Buches. Sie sind „geborene Krieger“, wie Martria auf dem Datzberg rappt. 2022 sieht aus wie ein Jahr der Erinnerung und Versöhnung mit einer ganzen Generation.

Ossirapper Finch hatte diesen Sommer bereits vor 5.000 Menschen auf dem Neubrandenburger Marktplatz gespielt, und überraschend viele DDR-Fahnen wehten in der Menge. Leider zu oberflächlich, aber so geht Nostalgie. Am 26. November werden Finch für einen Club-Gig im Coliseum wieder in der Stadt sein. Vielleicht sind wieder ein paar Kids von Wendy’s im Publikum? Oder direkt auf die Bühne?

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