Corona-Zahlen: Kommt jetzt die Winter-Welle 2022 oder nicht? | Leben & Wissen

Corona-Minister Karl Lauterbach war sich Ende September sicher: „Wir stehen ganz klar am Anfang einer Herbst- und Winterwelle“. Und er warnte am Montag erneut davor, dass die Fallzahlen im Winter wieder zunehmen würden. Sein Fazit: Die Aufhebung der Maskenpflicht im ÖPNV sei daher „falsch“.

Doch die aktuellen Corona-Zahlen sprechen eine andere Sprache als der Gesundheitsminister. Statt wie in den letzten Jahren zuzunehmen, gehen die gemeldeten Infektionen zurück. Die Angst vor der kalten Jahreszeit bleibt also aus? Oder kommt Corona zurück?

Der Epidemiologe

„Natürlich wird es in diesem Winter eine Welle schwerer Atemwegserkrankungen geben“, sagt Epidemiologe Klaus Stöhr. Sie brauchen kein medizinisches Fachwissen, um dies vorherzusagen.

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Aber: „Es wird dasselbe sein wie in der normalen Welle, vor der Pandemie und SARS-CoV-2 wird nicht mehr so ​​stark dominieren wie in den letzten zwei Jahren.”

Stattdessen zeigen die Zahlen bereits, dass die Welle der Atemwegserkrankungen mittlerweile von anderen Viren bestimmt wird, allen voran die Influenza. (Grippe)RSV und Nashorn.

Und: Natürlich wird die Häufigkeit dieser Infektionen im Winter zunehmen und sicherlich wird es unter allen Atemwegserkrankungen einen deutlichen Anstieg der Corona-Infektionen geben.

Aber Stöhr betont: „Die Situation ähnelt eher einer Endemie als einer Pandemie: Aufgrund der jüngsten Infektionen – insbesondere im Frühjahr und Sommer waren es viel mehr – und der Impfstoffe ist in der Bevölkerung viel Immunität vorhanden.“

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Sicherlich wird es wieder Neuinfektionen geben, aber das ist bei Atemwegserkrankungen im Winter normal. Der Experte formulierte es so: „Jeder Erwachsene hat vier- bis sechsmal im Jahr eine Infektion mit dem Erkältungsvirus, Kinder meist sogar acht- bis zwölfmal.“

Generell ist zu beobachten, dass wir bei akuten Atemwegserkrankungen nur noch knapp über dem Vorpandemie-Niveau liegen: „Wir haben also praktisch wieder eine Normalität wie vor Corona erreicht“, betont der Epidemiologe.

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Das bedeutet auch, dass sich mögliche Kontrollstrategien an Parametern orientieren sollten, die die Krankheitslast widerspiegeln, wie z. B. die klinische Situation.

Es tauchen auch neue Virusvarianten auf, das tun sie jeden Tag, es gibt immer wieder genetische Mutationen. Stöhr: „Dass aber eine Variante auftritt, die das Krankheitsbild deutlich verändert oder gar verschlimmert und/oder den erworbenen Immunschutz umgeht – das sehen wir nicht!“

Eine neue Variante des Killers ist ganz einfach: In der einschlägigen medizinischen Praxis wurde ein solcher Entwicklungsprozess für Viren noch nie beobachtet.

Klaus Stöhr, Virologe und Epidemiologe

Klaus Stöhr, Virologe und Epidemiologe

Foto: Allianzfoto/dpa

Der Virologe

Auch der Hamburger Virologe Professor Jonas Schmidt-Chanasit ist sich sicher, dass es auch in Zukunft zu Infektionswellen kommen wird.

Aber das spielt keine Rolle. Was zählt, ist die Krankheitslast. Um das auszuwerten, gibt es den RKI-Pandemieradar, um zu sehen, wie hoch die Belastung in den Kliniken ist: Hier hat man einen gewissen Überblick über die Schwere der Erkrankung.

Nichts deutet darauf hin, dass eine mit einer erheblichen Krankheitslast verbundene Variante zirkulieren oder dominant werden würde.

Die Inzidenz des Berichts wird wieder rauf und runter gehen. Ausschlaggebend dafür, diese Infektionswellen ohne zusätzliche Maßnahmen passieren zu können, ist die aktuell hohe Grunddurchimpfung der Bevölkerung durch Ansteckung und Impfung. „Das ist ein großer Unterschied zu vor ein, zwei Jahren“, sagt Schmidt-Chanasit.

Die Situation würde sich ändern, wenn ein völlig neues Virus auftauche, das die Immunantwort komplett umgehe und mit einer hohen Krankheitslast verbunden sei, betonte der Virologe. Aber: “Darauf deutet nichts hin, auch nicht im Ausland.”

Deshalb wird es Infektionswellen geben, die uns aber nicht in dem Maße treffen werden, wie es jetzt andere Faktoren tun: „Zum Beispiel der Personalmangel in vielen Bereichen, die fehlende Digitalisierung und schlechte Netze, die auch dazu führen . Überlastungssituation in Krankenhäusern und Pflegeheimen.“

Das ist für die aktuelle kritische Lage in Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen viel entscheidender als Corona.

Zudem seien asymptomatische Infektionsfälle nicht zu unterschätzen: „Deshalb ist es aus medizinischer Sicht gerechtfertigt, die Isolationspflicht aufzuheben. Daher sind unprovozierte und sehr teure Massentests nach Monaten nicht mehr sinnvoll“, so der Virologe .

Stattdessen gelte es nun, sich auf behandlungsbedürftige Krankheitsfälle zu konzentrieren, betont Schmidt-Chanasit: „Das sind die entscheidenden Kriterien, um die aktuelle Corona-Situation zu bewerten.“

Virologe Jonas Schmidt-Chanasi

Virologe Jonas Schmidt-Chanasi

Foto: SYBILL SCHNEIDER

Die Statistiken

„Im Vergleich zu den beiden Vorjahren hat sich die Corona-Pandemie in diesem Herbst ganz anders verhalten“, sagt der leitende Mathematiker und Statistik-Professor Christian Hesse von der Universität Stuttgart.

Konkret: „Die zuverlässigste Zahl zur Einschätzung der Pandemie, nämlich die Insassen von Intensivbetten und Corona-Patienten, ist im letzten Monat zum 17. Oktober bis 1800 stark gestiegen, seither aber stark gesunken und liegt nun bei etwa 900 bei der Hälfte.“

Einer der Gründe dafür ist das Wetter und die Sonne in den letzten Wochen, die viele Menschen dazu veranlasst haben, mehr Zeit im Freien zu verbringen, wo das Ansteckungsrisiko geringer ist.

Noch wichtiger: „Ein zweiter Grund ist, dass Mitte Oktober aufgrund der vorangegangenen starken Zunahme der Sommerwelle und vieler damit verbundener Neuinfektionen die gesamte Bevölkerung höchstwahrscheinlich sehr nahe an einem Zustand der Herdenimmunität war.“

Karte: Krankenhaushäufigkeit in Bundesländern - Infografik

Auf der anderen Seite setzt sich die Corona-Sublinie BQ.1.1 der Virusvariante BA.5 nun auch in Deutschland rasant durch, beschreibt Hesse die aktuelle Lage: „Momentan ist diese Sublinie wohl für ein Viertel aller Neuinfektionen verantwortlich. Da in der Vergangenheit jede neue Virusvariante oder Unterlinie eine eigene Welle produzierte, müssen wir damit rechnen, dass dies auch bei BQ.1.1 der Fall sein wird.“

Dafür spricht, dass BQ.1.1 ersten Ergebnissen zufolge den derzeitigen Immunschutz der Bevölkerung teilweise umgehen kann. „Insofern wird sich das Infektionsgeschehen im Dezember und Januar noch einmal intensivieren“, prognostiziert der Statistiker.

Aber laut Hesse: „Erfreuliche Ergebnisse aus Frankreich zeigen jedoch, dass BQ.1.1 im Durchschnitt nicht gefährlicher ist als BA.5, sodass eine Überforderung des Gesundheitssystems nicht zu erwarten ist.“

Professor Christian Hesse, Leiter des Lehrstuhls für Mathematische Statistik an der Universität Stuttgart

Professor Christian Hesse, Leiter des Lehrstuhls für Mathematische Statistik an der Universität Stuttgart

Foto: Uli Regenscheit

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