Ärzte warnen vor Gefährdung von Kindern

Eine Intensivpflegekraft hält den Fuß eines jungen Patienten auf einer Kinderintensivstation in Stuttgart. Eine Intensivpflegekraft hält den Fuß eines jungen Patienten auf einer Kinderintensivstation in Stuttgart.

Eine Intensivpflegekraft hält den Fuß eines jungen Patienten auf einer Kinderintensivstation in Stuttgart.

Quelle: Marijan Murat/dpa

Das Gesundheitssystem ist vielerorts wieder am Limit – jetzt bei der Versorgung von Kindern. Die Pandemie ist noch nicht vorbei, und es kursieren weitere Infektionen. Wie soll es trotz der Corona-Auflagen weitergehen?

EINAngesichts der Notlage in der Kindermedizin für eine Welle von Atemwegsinfektionen warnt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte vor ernsthaften Risiken. „Es ist wirklich so, dass die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen und sogar ihr Leben im Moment in Gefahr sind“, sagte Verbandssprecher Jakob Maske am Montag im Deutschlandfunk. Um Infektionen einzudämmen, haben die Gesundheitsbehörden die Menschen aufgefordert, notfalls aus Solidarität Masken zu tragen. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern wollten über den weiteren Verlauf der Corona-Auflagen beraten, etwa die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen und die Verpflichtung zur Isolierung Infizierter.

FDP-Gesundheitsexperte Andrew Ullmann sagte der „Welt“ (Montag) zur Infektionswelle bei Kindern: „Wir können das tun, was wir während der Pandemie gut praktiziert haben: Infektionen vermeiden und Infektionsketten unterbrechen.“ Dazu bedarf es keiner staatlichen Regulierung. „Tragen Sie eine Maske, waschen Sie Ihre Hände, bleiben Sie zu Hause, wenn Sie eine Infektion haben.“ Zur Stärkung der Kinderärzte gilt es auch, auf unnötige Auflagen zu verzichten, wie zum Beispiel „Gesundheitszeugnisse“ für Kinder, die viele Kitas verlangen. Die Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Dagmar Schmidt, sagte der Zeitung, dass auch hier grundlegende Hygienemaßnahmen schützen. “Alle sollten sich jetzt solidarisch zeigen, gerade auch mit Kindern.”

Viele Kinderpraxen und Kinderzimmer sind derzeit extrem überfüllt. Experten haben von einer großen Welle von Infektionen mit dem Respiratory Syncytial Virus (RSV) berichtet, die für Kinder gefährlich sein können. Der Sprecher des Maskenverbandes sagte, die grundlegende Krise des Systems sei durch Corona kaschiert worden. Aber damit ist jetzt Schluss. „Wir haben jetzt einen ganz normalen Anstieg an Infektionskrankheiten, wie wir ihn jeden Winter erleben – und die Systeme kollabieren.“ Schwerkranke Kinder mussten zum Beispiel Hunderte von Kilometern aus Berlin verlegt werden, weil es keine Betten gab.

Maske hat die Gesundheitspolitik der vergangenen Jahre auch unter Minister Karl Lauterbach (SPD) scharf kritisiert. Das System laufe seit Jahren „gegen die Wand“. Für Kinderärzte wurden besonders große Einsparungen erzielt. Viele Betten wurden reduziert, weil sich die Medizin von Kindern und Jugendlichen nicht lohnt.

Lauterbach hat bereits schnelle Hilfsmaßnahmen angekündigt. Das Pflegepersonal soll von der Erwachsenen- auf die Kinderstation verlegt werden. Die Krankenkassen sollten den Personalbedarf vorerst nicht prüfen und die Sanktionen aussetzen. Er appellierte auch an Eltern und Kinderärzte, nicht unmittelbar notwendige Vorsorgeuntersuchungen nicht aufzuschieben. Personalwechsel auf den Kinderstationen helfen laut Maske “überhaupt nicht”. Eine erwachsene Betreuungsperson kann sich nicht um ein Frühgeborenes kümmern, das 600 Gramm wiegt.

Lauterbach schrieb am Montag auf Twitter: „Kinderärzte sind genauso besorgt wie ich.“ Er stimmt zu, dass in 20 Jahren zu wenig für sie getan wurde. “Aber wir arbeiten seit Monaten daran, Kinderkliniken zu entlasten.” Es soll ab dem 1. Januar 2023 gelten. Der Bundestag hat am Freitag das erste Gesetzespaket zu Krankenhäusern beschlossen. Für Kinderkliniken sollen es demnach 2023 und 2024 300 Millionen Euro zusätzlich geben. Lauterbach will an diesem Dienstag weitere Reformvorschläge vorlegen, um Krankenhäuser generell vom finanziellen Druck zu entlasten.

Die Grünen-Chefin Ricarda Lang sagte, die Ampelkoalition habe bereits Sofortmaßnahmen ergriffen, um den Kliniken etwa bei den hohen Energiekosten zu helfen. Gleichzeitig betonte er: „Es reicht nicht, weiterhin ein Pflaster zu kleben.“ Jetzt ist eine echte Reform der Strukturen notwendig. Dazu gehört, dass der tatsächliche Bedarf an Betten und Personal die wesentliche Rolle bei der Finanzierung der Kliniken spielt, nicht die Frage, was den größtmöglichen Gewinn verspricht.

Unterdessen haben die Gesundheitsminister der Länder am Montagabend keine neue Linie für weitere Änderungen der Corona-Schutzauflagen beschlossen. Abteilungsleiter hätten sich ausgetauscht, es gebe aber kein einheitliches Vorgehen etwa zur Maskenpflicht in Bussen und Bahnen, sagte eine Sprecherin des Sozialministeriums Sachsen-Anhalt am Montagabend nach den Beratungen. Die meisten Länder wollen die Maskenpflicht im ÖPNV bis Ende des Jahres verlängern, einige darüber hinaus. Teilweise muss aus der Verpflichtung eine Empfehlung werden. Für Fernzüge ist die Maskenpflicht bundesweit bis zum 7. April 2023 gesetzlich vorgeschrieben.

Bundesgesundheitsminister Lauterbach und der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, hätten sich in der Konsultation für die Beibehaltung der Isolationsregeln und der Maskenpflicht ausgesprochen, sagte die Sprecherin. Sie rechneten mit einer steigenden Zahl an Neuinfektionen und hätten auf die hohe Sterblichkeit vor allem bei älteren Menschen hingewiesen. Das RKI sieht keinen Anlass, bisherige Empfehlungen zur Isolierung zu ändern.

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